Pressemeldung 2006 - Gibt es bald eine Impfung gegen Karies?
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Gibt es bald eine Impfung gegen Karies?

Amerikaner sind dabei, ein spezielles Nasenspray dafür zu entwickeln / Skepsis unter Experten

(rz, Marburg, 6. Juni 2006) Muss der Zahnarzt in Zukunft nicht oder weniger bohren? Das wäre der Traum vieler! Schon seit den 60er Jahren versuchen Forscher, einen der Hauptverursacher von Karies, das Bakterium Streptococcus mutans, mit einer Art „Impfung“ zu bekämpfen. Jetzt kursieren wieder Meldungen, dass amerikanische Wissenschaftler diesem Ziel einen Schritt näher gekommen seien. Dabei wird auf eine aktuelle Meldung der Zeitschrift Nature Review Immunology Bezug genommen. Darin allerdings ist lediglich die Rede davon, wie wichtig die auf diesem Gebiet forschenden Wissenschaftler eine solche Impfung besonders für Länder wie Brasilien und China halten, wo Zahnkaries mittlerweile die Proportionen einer Epidemie angenommen hätten.

Richtig allerdings ist, dass der zitierte Wissenschaftler Martin Taubmann mit seinem Kollegen Daniel Smith vom Forsyth Institute in Boston bereits seit einigen Jahren dabei ist, einen Eiweiß-Stoff zu entwickeln, der in die Nase gesprüht wird und den menschlichen Organismus dazu anregen soll, im Speichel Antikörper gegen die Bakterien zu bilden. Genauer gesagt, richten sich die Antikörper nicht gegen die Karies-Bakterien selbst, sondern gegen das Enzym, mit dessen Hilfe sie sich an den Zahnbeleg heften, Milchsäure produzieren und den Zahnschmelz zerstören. Denn wenn die Abwehrkräfte des Körpers dieses Enzym vernichten, ist es den Bakterien nicht möglich, sich an den Zähnen zu befestigen. Sie bleiben harmlos und können leicht mit der Zahnbürste weggeputzt werden. Auf diese Weise baut die geimpfte Person eine lange Zeit selbst den Schutz vor Karies auf.

Erste Impfversuche an Tieren waren in der Vergangenheit bereits erfolgreich verlaufen. Ziel der amerikanischen Forscher ist es, mithilfe der Nasenspray-Impfung über die Schleimhaut auch beim Menschen die Produktion von Antikörpern anzuregen.
Taubman und Smith glauben, der größte Erfolg werde mit der Impfung bei etwa einjährigen Kindern erzielt, deren Zähne bereits hervorguckten, aber noch nicht von Streptokokken besiedelt seien. Zu diesem Zeitpunkt ist das Immunsystem der Kinder genügend entwickelt, um Antikörper zu produzieren, die die Vermehrung von Streptococcus mutans verhindern. Denn hätten sich die Bakterien erst einmal auf den Zähnen angesammelt, würden zwar Antikörper gebildet, diese könnten jedoch das Faulen der Zähne nicht aufhalten.

Die geplante Impfung soll in Form eines Nasensprays verabreicht werden, weil so einerseits das Lymphgewebe bestmöglich stimuliert werde, wodurch Antikörper beispielsweise in den Speichel abgegeben werden. Andererseits sei ein Nasenspray bei Kleinkindern einfach anzuwenden, so die Forscher.
Allerdings stoßen die Impf-Versuche in der Wissenschaft auf Skepsis. Experten meinten schon vor Jahren, dass diese Methode nicht ganz ungefährlich sei. Sie warnten vor diesem Verfahren, weil der Impfstoff möglicherweise auch das Herzmuskelgewebe angreife.

Außerdem müsse man beachten, dass Karies durch eine vielschichtige Keimflora hervorgerufen wird. Diese wäre in vollem Umfang nur durch ein breites Spektrum von Antikörpern beziehungsweise gentechnisch veränderten Austauschbakterienstämmen unterschiedlicher Spezifität zu beeinflussen. Die daraus resultierenden Verschiebungen in der Zusammensetzung der Mikroflora in der Mundhöhle seien dabei nicht abzuschätzen.

Einen anderen Weg beschreiten im Übrigen seit einigen Jahren britische Forscher: Sie arbeiten an einem passiven Impfschutz, haben die Substanz, die der Körper direkt gegen die Bakterien produziert, nachgebildet und tragen diese Antikörper in hoch konzentrierter Dosis mit einer Pipette auf die Zähne auf. Nachteil: Da dieser Impfstoff keine Immunreaktion beim Menschen auslöst, müssen die Antikörper jährlich wieder neu auf die Zähne aufgetragen werden.

In jedem Fall gilt: Beide Verfahren – die aktive wie die passive Immunisierung – befinden sich immer noch im Versuchsstadium und werden weiter diskutiert. Und bis zu einem eventuellen Praxiseinsatz werden noch Jahre, vermutlich sogar Jahrzehnte, vergehen. Bis dahin muss wohl weiter gebohrt werden... – und eine sorgfältige, lebenslange individuelle und professionelle Mund- und Zahnpflege bleibt unverzichtbar!

 


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